Beratungsinterview

Beratungsinterview

Beratungsbeispiel in Form eines Interviews.

 

 

Thema : Übertritt an weiterführende Schulen.

 

 

Fleiß allein reicht jetzt nicht mehr. Wie Eltern ihr Kind richtig einschätzen können und was auf weiterführenden Schulen verlangt wird, sagt Ihnen unsere Expertin Karla Gräf.

 

 

Jeder kennt ihn, den Primus, der später im Leben scheitert, und sein Gegenstück, den Schulversager, der es trotzdem weit bringt. " ELTERN  for  family " fragte die Lehrerin, Familien- und Schulberaterin Karla Gräf, selbst Mutter von drei Söhnen, wie Eltern erkennen, was in Ihrem Kind steckt.

Redakteurin :Welche Fähigkeiten sollte ein Kind fürs Abitur haben?
Frau Gräf : Es sollte Interesse an seiner Umwelt haben, Freude am Lesen, ein gutes Gedächtnis, viel Konzentrationsvermögen, eine rasche Auffassungsgabe und eine erhöhte Arbeitsbereitschaft.

 

Redakteurin : Welche Kinder können trotz mäßiger Grundschulnoten mehr ?
Frau Gräf : Da fallen mir gleich drei Typen von Kindern ein: der Bücherwurm, der so viel liest, daß er darüber die Hausaufgaben vergißt, der Hochbegabte, der sich in der Schule langweilt, und der Forschertyp, der nicht nur lernen will, was er vorgesetzt bekommt, sondern die Dinge hinterfragt.
Das sind die Kinder, die an einfachen Aufgaben oft scheitern, weil sie die zu simpel finden oder weil sie mit ihren Gedanken woanders sind.

 

Redakteurin : Welche guten Grundschüler können später scheitern ?
Frau Gräf : Diejenigen, die allein großer Fleiß zu diesen Noten gebracht hat: Sie lernen einzelne Dinge gut, haben aber Schwierigkeiten, Zusammenhänge zu begreifen. Ein typisches Beispiel: Beim schriftlichen Teilen von 1360: 17 muß man im Kopf zuerst den Überschlag machen: Wievielmal steckt 17 in 136? Antwort= 8x ,dann wird die 0 angehängt und man hat das Ergebnis 80. Das schaffen solche Kinder meist nicht.

 

Redakteurin : Ist hohe Intelligenz ein Garant für den Erfolg ?
Frau Gräf : Nein. Bestimmte intellektuelle Fähigkeiten müssen zwar vorhanden sein - ein Gymnasiast sollte einen IQ um 120 haben, ein Realschüler um 110. Aber wichtig sind auch emotionale und soziale Fähigkeiten. Zu ersteren gehört Engagement: Ich möchte Englisch lernen, mich reizt eine schwierige Mathe-Aufgabe. Ein Kind mit dieser Einstellung läßt sich begeistern und
kommt mit den Worten nach Hause: „Heute haben wir was Tolles gemacht.“

 

Redakteurin : Wie erkennt man soziale Fähigkeiten - und wofür sind sie gut ?
Frau Gräf : Ein Schüler muß sich in die Klassengemeinschaft einfügen können. Sozial intelligente Kinder sind hilfsbereit und lassen die schlechteren mal abgucken. Dadurch machen sie sich beliebt - was sich positiv auf ihr Lernvermögen auswirkt. Ein Schüler mit einem sehr hohen IQ dagegen, der immer der Beste sein will und keinen an sich herankommen läßt, wird leicht zum Außenseiter.

 

Redakteurin : Wie geht man mit schlechten Noten um?
Frau Gräf : Auch gute Schüler können im Gymnasium oder auf der Realschule mal eine Fünf mit nach Hause bringen. Wichtig ist, richtig darauf zu reagieren : Weder zu sagen : " das ist nicht schlimm ! “ - noch zu schimpfen : " wenn Du so weitermachst, schaffst Du es nie ! “ Statt dessen sollten die Eltern sagen: " Das kann passieren, aber wir müssen schauen, woran es gelegen hat.“ Es kann zum Beispiel sein, dass sich das Kind nicht konzentrieren konnte, weil es sich über einen Freund geärgert oder zu Hause Probleme hatte. Es kann auch sein, dass es gerade eine Krankheit ausbrütete, oder - und das wird wohl eher der Fall gewesen sein, es hat etwas nicht. verstanden bzw. schlicht zu wenig geübt. - Dann müssen die Lücken geschlossen werden. Der Fachlehrer weiss, ob das Kind alleine nachlernen kann. Außerdem kennt er qualifizierte Schüler in höheren Klassen, die gut und preiswert Nachhilfe geben. Schüler lernen von Schülern immer besser als von Erwachsenen !

 

Redakteurin : Was können Eltern generell tun, um ihr Kind zu fördern ?
Frau Gräf : Sie sollten Interesse zeigen an dem, was es gelernt hat. Das können auch berufstätige Eltern tun, die erst abends heimkommen. Also fragen: " Wie war‘s denn heute in der Schule ?“ - oder, wenn das Kind von sich aus etwas erzählen will, zuhören, nicht auf später vertrösten.

 

Redakteurin : Sollten Eltern noch bei den Hausaufgaben helfen?
Frau Gräf : Das Wichtigste ist, das Kind zur Selbständigkeit zu erziehen. Die Hausaufgaben sind erst einmal seine Sache. Wenn es um Hilfe bittet, sollten die Eltern aber dazu bereit sein und möglichst Hilfe zur Selbsthilfe geben. Fragt er/sie im Fach Englisch: " Was heißt Lehrer?"...bitte nicht „teacher“ auf Bestellung antworten, sondern :
„Schau bitte im Wörterbuch nach.“ Auf weiterführenden Schulen müssen Kinder mit Nachschlagewerken umgehen können. Beim Vokabelabfragen sollten Eltern allerdings helfen.

 

Redakteurin : Wie motiviert man ein Kind auch in schwierigen Zeiten ?
Frau Gräf : Eltern bemühen sich häufig, ihrem Kind Verständnis zu zeigen, und sagen tröstend : " Ich konnte Mathe auch nicht.“ Das ist falsch ! Dieser Satz bremst die Lernbereitschaft des Kindes von vornherein. Besser wäre es zu sagen: „Mir ist Mathe zwar auch schwergefallen, aber ich bedauere heute, daß ich mich nicht mehr hineingekniet habe.“

 

Redakteurin : Welche Kinder sind auf der Realschule am besten aufgehoben ?
Frau Gräf : Kinder, die von vornherein wissen, daß sie nicht studieren wollen, die etwa Kfz-Mechaniker werden wollen wie der Vater - und Kinder, die auf keinen Fall Latein und mehrere Sprachen lernen wollen.
Die Realschule ist auch geeignet für begabte Spätentwickler, die mit zehn Jahren noch sehr verspielt sind oder gern träumen und keine Lust auf Lernen haben. Am Gymnasium wären sie überfordert, an der Hauptschule unterfordert - in der Realschule können sie sich in Ruhe entwickeln und später darauf aufbauen ( Fachoberschule ..... )

 

Redakteurin : Welche Arbeitshaltung ist im Unterricht nützlich ?
Frau Gräf : Aufpassen, sich nicht ablenken lassen, mit Interesse zuhören, auch mal Fragen stellen und eigene Anregungen einbringen, dadurch erspart sich ein Kind viel Zeit bei den Hausaufgaben!

 

Redakteurin : Schulwechsel: Fast überall dürfen die Eltern entscheiden.
Frau Gräf : Die Übertrittsregelungen der 16 Bundesländer sind höchst unterschiedlich ( Tabelle folgt später ). Doch fast überall wird den Eltern inzwischen erlaubt, selbst zu entscheiden, welchen Weg ihr Kind nimmt. Nur Baden-Württemberg, Bayern, Sachsen und Thüringen haben noch die Hürde Aufnahmeprüfung.
Völlig überflüssig ist die Empfehlung der Grundschul- oder Orientierungsstufenlehrer trotzdem nicht. Aber : Ein positives Grundschulgutachten ist noch keine Garantie für den erfolgreichen Besuch einer Realschule oder eines Gymnasiums. Eine Untersuchung in Baden- Württemberg hat ergeben: Ein Drittel der Kinder, die fürs Gymnasium geeignet sein sollten, schafften das Abitur doch nicht. In Ländern, die eine zweijährige Orientierungsstufe haben, sind die Prognosen genauer.
Häufiger passiert der umgekehrte Fall. Das zeigte in diesem Jahr die Aufnahmeprüfung in Bayern :
Von den Kindern, die nur für die Hauptschule geeignet sein sollten, schaffte immerhin fast jedes zweite noch den Sprung aufs Gymnasium. Für die integrierte Gesamtschule brauchen Kinder keine Empfehlung. Bei kooperierenden Gesamtschulen wird ähnlich wie bei Realschulen und Gymnasien verfahren.